Chronik des Vereins

  

Vereinsgeschichte und Vorstellung

Schon um das Jahr 1850 gab es nach Aussagen der ältesten Musikanten von 1939 und
deren Vorgängern eine Blasmusikkapelle im Markt Nesselwang. Nach der Zeit im
Jahre 1848 der endgültigen Bauernbefreiung und Jagdfreigabe konnten sich unter
günstigeren Verhältnissen Vereine kultureller und gesellschaftlicher Art bilden
und entwickeln. Zu dieser Zeit gab es noch häufige Auswanderungen nach Amerika.
Es ist nicht mehr bekannt, wie stark die erste Blasmusikkapelle damals war, doch
folgende Namen ihrer Mitglieder sind noch festgehalten:
Eberle Johann, Bauer von Hinterbayerstetten 143 (Althorn),
Eberle Albert, Instrumentenmacher, Von-Lingg-Str.8,
Sparrer Ludwig, "Sonnenwirt",Kemptenerstr.3, (Bombardon),
Dopfer Michael, Bauer von Vorderbayerstetten 3, (Klarinette),
Hierling Sebastian, Silberschmid, Füssenerstr.23, (Posaune),
Kudermann Michael, Schäfflermeister, Hauptstr.5
Hiltensperger Martin,Schneidermeister, Maria-Rainer-Str.1

Diese Kapelle war sowohl mit Blech- als auch mit Holzinstrumenten besetzt.
Albert Eberle, der Holzinstrumentenmacher (Flautenmacher) dürfte hier wesentlich
zur Bereicherung beigetragen haben. Die Tätigkeit dieser Musikgruppe umfasste
hauptsächlich das Spielen bei Hochzeiten und Bällen. Ihre Mitglieder waren neben
ihrer musikalischen Mitwirkung bei öffentlichen Veranstaltungen besonders durch
ihre unbändige Trinkfestigkeit bekannt gewesen. So wurde erzählt, dass sie
einmal eine Wette, unter einem Hochzeitsamt ein 60 Liter Fass Bier zu leeren,
gewonnen hätten, nachdem sie einmal bei gleicher Gelegenheit im Gasthaus Post
bei 53 Maß meinten, "man könnte eigentlich gerade schon noch mehr trinken". Im
Volksmund blieben 1939 noch weitere diesbezügliche Leistungen erhalten. Nach dem
Jahre 1860 sollen dann die meisten dieser ersten Nesselwanger Blasmusikanten
ersetzt worden sein. 1863 trat der Althornist Josef Anton Gabler, Bäckermeister
aus dem Haus Nr. 18 (heute Hauptstr.23) das Amt des Dirigenten der "Blasmusik
Nesselwang" an. Die Besetzung war damals 10-stimmig. Die Musikinstrumente
kauften damals die Musikanten selbst, meistens beim Blechinstrumentenmacher
Riefler in Maria Rain, einem Bruder des bekannten Clemens Riefler (Begründer der
Fa. Riefler, Fabrik mathematischer Instrumente in Nesselwang - 1841). Dort
wurden auch Reparaturen ausgeführt. Die benötigten Noten beschaffte sich der
Dirigent Josef Anton Gabler auf folgende Weise. Er tauschte seine
Eigenkompositionen für 5-stimmige Tanzmusik bei der damaligen Militärmusik in
Kempten gegen Konzertstücke zum Abschreiben. Diese Tanzstücke Gablers wanderten
von Kempten dann später weiter und wurden um 1939 sogar von einer Kapelle im
Rundfunk gespielt. Als Festkleidung wurden von der "Blasmusik Nesselwang" damals
schon einheitlich schwarze Anzüge mit hohen Zylindern getragen. In der Zeit des
Aufbruchs der Nesselwanger Musikanten wurde das Vereinsleben durch den
Bruderkrieg zwischen Preußen und Österreich-Bayern im Jahre 1866 jäh
unterbrochen. Damals kamen die 41 eingezogenen Nesselwanger alle wieder gesund
und unverwundet in ihre Heimat zurück.
Der Dirigent Josef Anton Gabler schulte in der Folgezeit seine 10-stimmige
Blasmusik zu einer vorbildlichen Kapelle, die sich im weiten Umkreis einen guten
Ruf erwarb. So wurden die Nesselwanger Musikanten mehrmals bei besonderen
Anlässen von König Ludwig ins Schloss Hohenschwangau berufen, wo sie einmal die
Ouvertüre "Dichter und Bauer" unter großer Anerkennung aufführten. Dafür wurden
sie reichlich bewirtet und mit einem 20 Mark-Goldstück (Goldfuchs) belohnt.
Doch schon im Jahre 1870 kam es zum Krieg gegen Frankreich, der bis zum Frühjahr
1871 dauerte. Vier Musikmitglieder mussten damals mit vielen anderen
Nesselwangern in diesen, mit großer Begeisterung geführten Krieg ziehen. Der
Sieg über Frankreich und die Gründung des II. Deutschen Reiches gaben damals
Anlass zu einer allgemeinen Euphorie, die sich auch im Vereinsleben, vor allem
in der Musik (Militärmusik-Marschmusik) ausdrückte. Leider gab es auch damals
schon Musikanten, die Starallüren hatten und durch Unzuverlässigkeit und
Abwesenheit glänzten, was die Musikkapelle in immer größere Schwierigkeiten
brachte. Kurz entschlossen bildete der unermüdliche Dirigent Gabler einige
Burschen aus, um eine neue Kapelle aufzustellen. In den Jahren 1883/84 schulte
er nun sieben junge Bläser heran und konnte schon ab 1885 eine 9-stimmige
Blechmusik präsentieren. Die Instrumente kauften die jungen Musiker selbst, nur
ein neuer Bombardon wurde durch eine Haussammlung finanziert. Am
Veteranenjahrtag 1885 spielte die Blechmusikkapelle das erste Mal auf. Dirigent
war nun der jeweilige Hoch C Trompeter, von 1885-87 Unsinn Michael und ab
Dezember 1887 Köberle Otto, der spätere Schwiegersohn des Dirigenten Josef Anton
Gabler. Als Probelokal diente das Nebenzimmer des Gasthauses "Hirsch", später
auch das Haus des Altdirigenten Gabler, heute Hauptstr.21. Folgende Fotoaufnahme
aus dem Jahr 1887 zeigt diese 9-stimmige Blechmusik.

 

 Harmoniemusik Nesselwang 1887


Die Kapelle von 1878 von links sitzend: Hösle Johann, Sommer Ludwig, Huber Fidel, Köberle Otto;
stehend: Schmid Joseph, Eberle Alexander, Unsinn Martin, Unsinn Michael, Gaismayer Otmar.


Als nun diese junge Blechmusik ans Werk ging, war es den alt ausgeschiedenen
Musikanten nicht mehr wohl und sie stellten den Antrag, eine so genannte
"Türkische Musik" aus Jung und Alt zusammenzustellen. Altdirigent Gabler
übernahm dann deren Leitung. Geprobt wurde in seinem Haus. Diese neue Besetzung
bestand nun aus Holz und Blechbläsern, deshalb der Name "Türkische Musik" und
bestand aus 20 Mann. Sie spielten erstmals 1888 beim 25-jährigen
Feuerwehrjubiläum und später dann bei mehreren Anlässen. Doch schon nach 5
Jahren beendete nach dem Ausscheiden einiger älterer Mitglieder und auch alter
Instrumente diese "Türkenmusik" ihre Tätigkeit. Der bewährte und unermüdliche
Dirigent Josef Anton Gabler konnte damals auf eine 27jährige Tätigkeit
zurückblicken und beschloss hiermit auch seine Laufbahn. Nun verblieb wieder die
junge 9-stimmige Blechmusik als einzige Kapelle im Ort. In den nun folgenden
Jahren gab es viel Wechsel bei den Musikanten und Schwierigkeiten
verschiedenster Art bleiben der Blechmusik nicht erspart. So hatte sich wieder
eine große Schar junger Burschen und Männer zur Blasmusik gemeldet.
Die Ausbildung übernahm der Dirigent Otto Köberle, der im Jahre 1895 die Tochter
seines Amtsvorgängers, Marianne Gabler geheiratet hatte. Aus der ehemaligen
"Blechmusik" war seit dem Jahre 1903 eine "Blechmusikgesellschaft Nesselwang"
hervorgegangen und erfüllte auch weiterhin viele örtliche Verpflichtungen des
musikalischen Lebens.
Bei der Feierlichkeit der Grundsteinlegung der neuen Pfarrkirche St. Andreas am
9. Oktober 1904, sowie zwei Jahre später bei der Einweihung durch einen Sohn
Nesselwangs, dem Augsburger Bischof Maximilian von Lingg, trugen die
Nesselwanger Musikanten zur musikalischen Umrahmung bei. Am 15.Mai 1907 machte
die Blechmusikgesellschaft Nesselwang ihren ersten Ausflug ins benachbarte
Tannheimer Tal, wo auch mitunter bei Tiroler Rotwein munter aufgespielt wurde.
Dies förderte den Zusammenhalt und die Gesellschaft im Vereinsleben und galt
auch als Lohn für die harte Probenarbeit während des ganzen Jahres. Das folgende
Bild zeigt die Blechmusikgesellschaft Nesselwang in der 11-Mannbesetzung


Harmoniemusik Nesselwang 1908


Namen: Dirigent - Köberle Otto
Hoch C - Trompeter Allgaier Hans
Flügelhorn - Hutzmann Ignatz
Althorn - Brenner Max u. Hutzmann Josef
Trompete EsI - Enderle Otto
Trompete EsII - Köberle Rupert
Baßtrompete I - Hösle Hans
Baßtrompete II - Doser Xaver
Posaune - Köberle Andreas
Baß - Schmid Fidel

Jetzt wurden die Nesselwanger Musikanten zu zahlreichen Festlichkeiten und
Veranstaltungen des örtlichen Lebens geholt. Sie spielten aber auch bei
Faschingsbällen, Hochzeiten und auch bei Vereinsfesten in den Nachbarorten, ja
sie wurden sogar zu einem Schützenfest nach Görisried geholt. Ein besonderes
Ereignis war das 50 jährige Jubiläum der Nesselwanger Feuerwehr am 10.August
1913. Ein Foto von diesem Parademarsch (Festzug) zeigt die Musikkapelle, wie sie
mit klingendem Spiel durch die vordere Steinach (heute von Lingg-Straße)
zieht, gefolgt von Feuerwehrmännern mit blitzblank polierten Messinghelmen. Die
Musikanten trugen damals einheitlich schwarze Gogs (Melone).

 


Harmoniemusik Nesselwang 1913

 


Am 1.August 1914 brach der 1. Weltkrieg aus, welcher mit eiserner Faust den so
hoffnungsvollen Aufbruch der Nesselwanger Musikkapelle zerstörte. Alle jungen,
und viele der älteren Musikanten mussten sofort einrücken und standen schon bald
an den verschiedenen Fronten. Der Dirigent Otto Köberle konnte gerade noch 9
Mann zusammenbringen. Als am 11. November 1918 der Waffenstillstand in Kraft
trat, beklagte Nesselwang 48 Kriegstote. Die kleine Musikkapelle spielte bei
jeder Gefallenenehrung und so gut es ihnen möglich war, auch bei sonst üblichen
Anlässen. Im Jahr 1915 war die kleine Kriegsbesetzung auf acht Mann gesunken,
die nun in der Stube des "Steigbauern" Hutzmann, jetzt Labenz in der
Römerstraße, Platz gefunden hatten, um zu proben. Mit viel Fingerspitzengefühl
versuchte der Dirigent Otto Köberle nach Kriegsende seine Leute wieder zu
Blasmusik und zum öffentlichen Wirken in der Heimat zu motivieren. Er scheute
keine Mühe alle verfügbaren Musikanten und Instrumente zusammenzubringen, um
seine Harmonie-Musik-Gesellschaft wieder neu entstehen zu lassen. Er plant die
Kapelle auf 30 Mann aufzustocken. Als Probelokal wurde der Saal des "Bären" bzw.
Gastzimmer zur Verfügung gestellt. Otto Köberle gelang es innerhalb kürzester
Zeit mit großem Eifer wieder eine gute Kapelle aufzubauen. Bereits an Ostern
1919 konnte das erste große Konzert im Bärensaal zweimal aufgeführt werden. Die
folgende Fotoaufnahme von dieser erfolgreichen Musikkapelle zeigt die erste
Nachkriegsbesetzung am Ostermontag vor dem "Bären" mit bereits 27 Mann.


Harmoniemusik Nesselwang 1919


Von links-vorderste Reihe: Schmid Fidel, Köberle Andreas, Lotter Gottlieb, Hösle Hans, Köberle Otto,
                                                 Deng Josef, Hutzmann Josef, Gabler Hans, Huber Fidel.
                      -zweite Reihe: Konrad Josef, Köberle Rupert, Lochbihler Johann, Umfahrer Josef, Knoll Josef, Doser Xaver
                                                 Hutzmann Ignaz, Köberle Josef ( Gschwend), Kerpf Josef, Wagner Martin, Guggemos Aton.
                     -hintere Reihe: Tanner Michael, Guggemos Josef, Köberle Josef, Lerbscher Stephan, Keller Andreas,
                                                 Riefler Gottlieb, Grieser Hans.           


Doch auch die Zeit nach dem 1. Weltkrieg brachte im Vereinsleben große
Schwierigkeiten mit sich. Die Kapelle spielte nur noch wenig bei Konzerten.
Vereinsfeste fielen fast ganz aus und es wurde nur noch bei gemeindlichen
Anlässen sowie am Fronleichnamstag und Veteranenjahrtag gespielt. Der
Zusammenhalt der Musikkapelle begann sich im Jahre 1921 zu lockern. Die älteren
Musikanten zogen sich immer mehr zurück, was im Spätherbst 1921 den Niedergang
der Kapelle und schließlich die Aufgabe des Dirigenten Otto Köberle im Jahre
1929 nach 35 jähriger Tätigkeit zur Folge hatte. Zunächst gab es für die
Nesselwanger Musikkapelle keine Zukunft mehr. Als einzige Tätigkeit verblieb das
verantwortungsvolle Amt des "Signalisten", der das "Feuerblasen oder Sturmen" in
Brandfällen übernahm. Der Schmiedemeister Josef Deng blies das "Feurio" bis zu
seinem Unfalltod 1929, danach sein Nachbar, der Schuhmachermeister Thomas
Köberle.
Noch im Jahre 1923, nach der Stabilisierung der Verhältnisse, übernahm der
Kaufmann Stefan Lerpscher das Amt des Dirigenten, das er bereits 4 Jahre später
im Jahre 1927 abgab. Das Ausscheiden mehrerer Bläser hatte zu diesem Rücktritt
geführt. Josef Köberle, der Sohn des langjährigen Dirigenten Otto Köberle,
übernahm im März 1927 das Amt des Dirigenten bereits in der dritten Generation.
Sein Großvater Josef Anton Gabler hatte diesen Posten 27 Jahre und sein Vater
Otto Köberle 35 Jahre inne. Josef Köberle begann nun schwungvoll seine neue
Tätigkeit. Meinungsverschiedenheiten und Unzufriedenheit brachten die freie
"Harmonie-Musik-Gesellschaft" immer wieder in große Schwierigkeiten. Deshalb
entschloss sich der so umsichtige Dirigent Josef Köberle im Jahre 1929 zur
Gründung eines eingetragenen Vereins mit Statuten, der auf eine geregelte
Grundlage gestellt wurde. Dieser Verein wurde jetzt als "Harmoniemusik
Nesselwang" benannt und am 27.Februar 1930 ins Vereinsregister des Amtsgerichts
Füssen eingetragen. Eine Woche nach der Vereinsgründung am 6. September 1929 fand
die Wahl der ersten Vorstandschaft statt, welche folgendes Ergebnis hatte.

1. Vorstand  - Josef Kerpf                  Dirigent          - Josef Köberle
Kassier        - Ignatz Hutzmann         Schriftführer  - Otto Kappeler

Die Harmoniemusik entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einem ganz bedeutenden
Faktor des musikalischen, kulturellen und gesellschaftlichen Lebens in der
Marktgemeinde Nesselwang.
In der Zeit der Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit, die auch in
Nesselwang sehr hart spürbar war, gelang es nur mit Mühe den Verein
hochzuhalten. Doch der Vorstand Josef Kerpf und der Dirigent Josef Köberle waren
ein vorzügliches Gespann. Sie meisterten mit viel Geschick und
Einfühlungsvermögen die Schwierigkeiten dieser Zeit und hielten den Verein
zusammen. Zur Hebung des örtlichen Fremdenverkehrs wurden schon 1930 die ersten
Standkonzerte am Kriegerdenkmal gespielt.
Das Jahr 1933 brachte der Musikkapelle so manches Neue. Sie wurde vom
Orsgruppenleiter der NSDAP genötigt, bei Parteiversammlungen und zwar im "Geist
der Neuen Zeit" zu konzertieren und bei Propaganda und Fackelzügen der Partei
und zu Ehren des neuen Reichskanzlers Adolf Hitler mitzuwirken. Nationales
Phatos und schneidige Marschmusik war gefragt und gehörte nun zum festen
Bestandteil jeder öffentlichen Veranstaltung. Bei eintreffenden Sonderzügen mit
Gästen der staatlichen Freizeitorganisation KDF (Kraft durch Freude), zu deren
Unterhaltung im Bärensaal und Verabschiedungen trat die Harmoniemusik sehr oft
auf.

Harmoniemusik Nesselwang 1938

Von links-vordere Reihe: Landerer Alois, Haug Alois, Huber Adolf, Kerpf Josef.
                   hintere Reihe: Schindele Theodor, Weiß Georg, Unsinn Josef.

Im Jahre 1935 musste nun im Rahmen der politischen Gleichschaltung anstelle
eines Vereinsvorstandes ein sog. "Vereinsführer" gewählt werden. Der bislang
amtierende Vorstand Josef Kerpf wurde zwar einstimmig zu diesem Posten mit der
neuen Formulierung berufen, doch er nahm aus politischen Gründen das Amt nicht
an. Für vieles was der Musikkapelle zu dieser Zeit aufgebürdet wurde, konnte er
seine Zustimmung nicht geben. So wurde jetzt der bisherige Schriftführer Otto
Kappeler neu gewählt.
Als am 1.September 1939 der zweite Weltkrieg ausbrach, mussten sofort neun
Mitglieder der Harmoniemusik einrücken. Zwei von ihnen, Josef Unsinn und Alois
Haug konnten nach einiger Zeit wieder zurückkehren. Nun musste der Dirigent
Josef Köberle improvisieren, um mit seiner stark geschrumpften kleinen Kapelle
auch weiterhin die örtlichen Belange erfüllen zu können. Als im Frühjahr 1945
der völlige Zusammenbruch Deutschlands diese furchtbare Zeit beendete, hatte
Nesselwang 130 Gefallene zu beklagen. Die Harmoniemusik musste zunächst vier
ihrer Mitglieder opfern, nach Kriegsende starben noch zwei weitere an den
Kriegsfolgen. Dies waren Schindele Theo - Huber Adolf - Kiechle Willi - Weiß
Georg - Eberle Klement und Thanner Pankraz. Die Zeit nach dem düsteren Ende des
Krieges mit all ihrer Not ließ nicht viel Raum für Frohsinn und Musizieren. Doch
der unverwüstliche Dirigent Josef Köberle brachte es schließlich doch fertig,
dass allen Umständen zum Trotz, die Harmoniemusik schon beim ersten
Fronleichnamsfest 1946 nach dem Krieg wieder in gewohnter Form auftreten konnte.

Im Laufe der Zeit gab es nun auch wieder etwas mehr Freude und Fröhlichkeit im
Leben der Bevölkerung. So wurden 1948 wieder einige Faschingsbälle unter
Mitwirkung der Harmoniemusik abgehalten, Trachtenfeste und Jubiläen gefeiert.
Das folgende Bild zeigt die Harmoniemusik 1948 beim Trachtenfestzug in
Immenstadt.

Harmoniemusik Nesselwang 1948

 

Am 21. Oktober 1948 konnte der langjährige Vorstand Otto Kappeler wieder erstmals
seit 1939 eine Generalversammlung abhalten, bei der er nach 14jähriger
Vereinsarbeit zurücktrat. Sein Nachfolger wurde der Fuhrunternehmer Theodor
Martin. Die Blaskapelle war nun wieder auf 25 Mann angewachsen. Im Jahre 1951
erfolgte der Beitritt zum Allgäuer Musikbund. Am Hl. Abend 1952 spielte erstmals
eine Bläsergruppe der Harmoniemusik weihnachtliche Weisen hoch vom Kirchturm der
Pfarrkirche St. Andreas herunter. Diese Tradition wurde bis heute fortgesetzt.
Die folgende Aufnahme zeigt die Harmoniemusik 1952.

Harmoniemusik Nesselwang 1952

Von links- sitzend: Josef Unsinn, Mayr Reinhold, Hägele Adolf, Josef Köberle (Dirigent), Franke Franz,
                                  Haug Alois, Erhart Richard. 
       -zweite Reihe: Landerer Alois, Allgaier Rudolf, Tyll Adolf, Kerpf Josef, Martin Theodor, Köberle Thomas,
                                  Eberle Herbert, Böck Xaver.
  -hinterste Reihe: Hutter Hermann, Bader Alfons, Settele Anton, Lipp Magnus, Kappler Otto, Gröschl Franz,
                                 Böck Ludwig, Keller Schorsch.


Der langjährige und beliebte Dirigent Josef Köberle war im Frühjahr 1953 schwer
erkrankt und musste seinen Taktstock aus der Hand legen. Er verstarb am 14. Mai
1953. 26 Jahre war er der Harmoniemusik als Dirigent vorgestanden. Schweren
Herzens trugen die Musikanten ihren "Vater" Josef Köberle zu Grabe. Als
Nachfolger wurde der stellvertretende Dirigent Alois Landerer bestimmt. Im
gleichen Jahr legte nun auch der Vorstand Theodor Martin sein Amt nieder. Sein
Nachfolger war Adolf Hägele. Im Jahr 1956 kam es zu Differenzen mit dem
Dirigenten, der darauf sein Amt niederlegte. Der Füssener Dirigent Pleimeier
half vorübergehend aus. Bei der Generalversammlung im selben Jahr wurde der
bisherige Vorstand Adolf Hägele aus Schneidbach zum Dirigenten und Richard
Erhart aus Hertingen zum Vorstand gewählt.
Franz Gröschl, einer der talentiertesten Musikanten übernahm am 14.Dezember 1960
das Dirigentenamt, nachdem er einen Dirigentenkurs mit der Note "vorzüglich"
abgeschlossen hatte. Sein Amtsvorgänger Adolf Hägele wurde als Dank für seine
Arbeit mit dem Marsch "Alte Kameraden" verabschiedet. Franz Gröschl begann seine
Dirigentenlaufbahn mit großem Schwung.
Zum ersten Mal führte die Musikkapelle am Palmsonntag 1961 die Palmprozession
vom Schulhof zur Kirche an. 1962 veranstaltete die Bergwacht Nesselwang erstmals
eine große öffentliche Nikolausveranstaltung, die von der Harmoniemusik mit
weihnachtlichen Weisen stimmungsvoll musikalisch umrahmt wurde.
Im Frühjahr 1963 wurde die Musikkapelle neu eingekleidet. Am 19. Mai, dem Tag der
Blasmusik, konnten der Dirigent Franz Gröschl und der Vorstand Richard Erhart
vormittags in der Kirche und beim abendlichen Frühjahrskonzert ihre Musikanten
im neuen Gewand vorstellen. Das "Allgäuer Gwand" bestand aus einer moosgrünen
Jacke, weinrotem Wams, schwarzer Bundhose, grauen Strümpfen und Haferlschuhen.
Den breitkrämpigen Hut zierte eine graue Kordel. Erstmals feierte die Feuerwehr
1966 den St. Florianstag, der beim abendlichen Gottesdienst und anschließendem
Fest von der Harmoniemusik umrahmt wurde. Aus gesundheitlichen Gründen musste
1966 der 1. Vorstand Richard Erhart seinen Posten aufgeben. Als Nachfolger wurde
der langjährige stellvertretende Vorstand Josef Allgaier aus Wank gewählt.
In diesen Jahren wurde der Nesselwanger Marsch immer populärer. Der ehemalige
Dirigent Josef Köberle hatte ihn komponiert. Nach seinem Tod wurden diese Noten
der Harmoniemusik zum Vermächtnis. Franz Gröschl verstand es ganz besonders
dieses schöne Erbe seinen Musikanten einzuprägen, was heute immer noch mit
Erfolg gelingt.
Ein großes Ereignis war 1968 die Erringung der olympischen Goldmedaille in der
Nordischen Kombination durch den Nesselwanger Franz Keller. Seine Heimkehr aus
Grenoble wurde stürmisch gefeiert und von der Harmoniemusik festlich umrahmt.

Um 1970 wurde festgehalten, dass die Blaskapelle bei den Nesselwanger
Traditionsbällen "Windgässler" und "Obermärktler" wie in der Vergangenheit
wieder kräftig mitmischt.
Die Europameisterschaft der Nordischen Junioren im Jahre 1971 wurde für die
Harmoniemusik zu einer großen Herausforderung. Alle Wettbewerbe wurden wie schon
1967 bei den Deutschen Nordischen Skimeisterschaften mit den von Franz Gröschl
dafür komponierten Fanfarenstücken eröffnet. Er stellte eine sechsköpfige Gruppe
aus Fanfarenbläsern zusammen, die auch bei allen Siegerehrungen spielte.
1971 gab Josef Allgaier seine Vorstandschaft ab. Sein Nachfolger wurde Rudi Abt
aus Bayerstetten, der bisher auch Stellvertreter des Dirigenten war. Im Jahre
1973 konnte die Musikkapelle bereits auf ein 123jähriges Bestehen zurückblicken.
Aus diesem Anlaß wurde beim Frühjahrskonzert desselben Jahres dem 1.Vorstand
Rudolf Abt die "Pro - Musika - Plakette" vom Präsident des
Allgäu-Schwäbischen-Musikbundes überreicht. Diese Plakette wird Musikkapellen
für 100jähriges kulturelles Wirken in der Gemeinde verliehen.

Pro-Musika_Plakette


Am 24.Juni 1974 konnte die Harmoniemusik mit einem Kurkonzert den neuerbauten
Musikpavillon im Kurpark eröffnen. Im September 1974 wurde in Nesselwang zum
ersten Mal ein Viehscheid veranstaltet. Die Musikkapelle wirkt seitdem bei dem
schon zur Tradition gewordenen Fest tatkräftig mit. Das ganztägige Musizieren
sowie die Bewirtung im Festzelt mit allerlei heimischen Spezialitäten,
zubereitet und serviert von den Musikantenfrauen gehört seitdem zum festen
Bestandteil des Festes und ist bis heute Aufgabe des Vereins. Natürlich werden
nur die heimischen Biere der Post -und Bärenbrauerei ausgeschenkt.
1975 wurde in einem Münchner Tonstudio gemeinsam mit Nesselwanger Gruppen eine
Musikkassette hergestellt.
Die Harmoniemusik brachte den Nesselwanger Marsch und die Uschi Polka zur
Aufnahme. Franz Gröschl konnte dieserzeit von 98 Proben und Aufführungen im Jahr
berichten, wobei noch 30 Proben für Zöglinge hinzukommen. Die Jungbläser bildete
er alle selber aus.

Gruppenaufnahme der Harmoniemusik 1978

Harmoniemusik Nesselwang 1978

Von links-vorderste Reihe: Albrecht Hans, Heel Martin, Keller Klemens, Korn Gabi.
                                -sitzend: Allgeier Konrad, Allgeier Josef, Gröschl Franz (Dirigent), Gschwend Josef, Böck Xaver,
                                                Böck Ludwig, Unsinn Josef, Hägele Matthias.
                       -dritte Reihe: Stöckle Siegfried, Abt Rudolf, Schlichtling Dieter, Ott Adalbert, Haug Josef, Waibel Bruno, 
                                               Heel Josef, Keller Georg, Wörz Josef, Lotter Karl.
                      -vierte Reihe: Mayr Siegfried, Gantner Bernhard, Unsinn Alois, Endras Josef, Erhart Franz, Stöckle Willi, 
                                               Wohlfart Anton, Guggemos Johann, 
               -hinterste Reihe: Wörz Norbert, Schall Theo, Allgeier Franz, Unsinn Martin, Stöckle Karl, Böck Fritz, Allgaier Rudolf. 


1980 gab es dann einige Veränderungen an der Vereinsspitze. Franz Gröschl trat
nach 20jähriger unermüdlicher Tätigkeit als Dirigent und Ausbilder aus
gesundheitlichen Gründen zurück. Er wurde 1981 zum Ehrendirigent ernannt und
spielt heute noch als Flügelhornist in der Kapelle mit. Sein 1. Stellvertreter
Rudolf Abt, gegenwärtig auch 1. Vorstand, übernahm nun die Dirigentenstelle. Als
neuer Vorstand wurde Franz Erhart aus Hertingen gewählt. Siegfried Stöckle und
Bernhard Gantner absolvierten mit Erfolg den Dirigentenkurs. Dirigent Rudolf Abt
bat nun um seine Ablösung. Er meisterte hervorragend seine Arbeit als Dirigent
in einem schwierigen Übergangsjahr in der Kapelle. 1981 wurde Siegfried Stöckle
zum neuen Dirigent ernannt. Am 11.November wurde erstmals ein St. Martinsumzug
der Kinder eingeführt, der bis heute alljährlich von der Musikkapelle
mitgestaltet wird. Beim Jugendskitag in Nesselwang begleiten die Musikanten
jedes Jahr die Schuljugend mit flotten Märschen zum Wettkampfort. Dort werden
alle Teilnehmer nach dem Zieleinlauf von den Musikanten mit heißen Würstchen und
Semmeln versorgt, die aus der Vereinskasse der Harmoniemusik bezahlt werden. Am
21.September 1986 hatte die Musikkapelle ihren ersten Fernsehauftritt beim ZDF
Sonntagskonzert auf der Schloßanger Alpe in Pfronten. Dirigent Siegfried
Stöckle und Vorstand Franz Erhart verstanden es geschickt, mit viel Fleiß und
Ausdauer den Anforderungen dieser neuen Zeit gerecht zu werden.
Ein neues Großereignis war 1987 das 1. Nesselwanger Marktfest das seither jedes
Jahr im August in der Von-Lingg-Straße und auf dem Parkplatz der Räuberhöhle
veranstaltet wird. Die Harmoniemusik spielt seitdem jedes Jahr zur Unterhaltung
bei diesem Fest. Der Dirigent Siegfried Stöckle bat nun um seinen Rücktritt. Da
er auch zugleich Chef der Tanzkapelle "Edelsberg Buam" ist, war ihm diese
Doppelbelastung beider Kapellen zuviel. Die "Edelsberg Buam" entstanden 1973 aus
Mitgliedern der Harmoniemusik und spielten in Oberkrainer Besetzung auf.
Mittlerweile hat sich die Gruppe zu einer moderneren Hochzeits-, und
Stimmungskapelle umstrukturiert.
1988 wurde nun Peter Vogel aus Buching zum Dirigenten bestellt. Er war seither
langjähriger Dirigent in seinem Heimatort. Doch bereits nach 2 Jahren trat er
von seinem Amt zurück. Nun musste Siegfried Stöckle wieder zum Dirigentenstab
greifen, kündigte jedoch an, dass er nur noch für eine zweijährige Übergangszeit
als Dirigent zur Verfügung stehen werde. Er setzte wieder all seine Kräfte ein
um den Anforderungen der Kapelle gerecht zu werden.
Der Posaunist Theo Schall, ein leidenschaftlicher Segelflieger, stürzte mit
seinem Segelflugzeug am 10. Juni 1989 am Säuling tödlich ab. Vier Wochen später,
am 7. Juli 1989 verunglückte der Flügelhornist Willi Stöckle ebenfalls tödlich
mit seinem Auto bei Reichenbach. Bereits wenige Wochen später verstarb sein
Vater Karl Stöckle ebenfalls ein langjähriger Horn-Spieler in der Kapelle. Das
waren harte Schicksalsschläge für beide Familien und auch für die Nesselwanger
Harmoniemusik.
Am 23. Oktober 1991 übernahm Gerlinde Stimpfle die Dirigentenstelle der
Harmoniemusik Nesselwang und löste Siegfried Stöckle auf eigenen Wunsch ab. Im
Mai 1992 berief der 1. Vorstand Franz Erhart eine außerordentliche
Generalversammlung ein. Er legte auf eigenen Wunsch sein Amt nieder und schied
aus der Kapelle aus. Grund dafür war der plötzliche Unfalltod seiner Tochter
Anja.
Franz Erhart war von 1980 bis 1992 1. Vorstand der Harmoniemusik Nesselwang und
leitete mit sehr großem Idealismus und Einfallsreichtum den Verein. Dafür
gebührt ihm ein großer Dank der Harmoniemusik. Nun wurde Franz Allgeier zum
1. Vorstand gewählt.
Seit Anfang 1900 wurden bei den Nesselwanger Musikanten als Belohnung für die
harte Probenarbeit und die vielen Aufführungen übers Jahr Ausflüge veranstaltet.
Sie führten oft ins benachbarte Tirol, Südtirol und in den Schwarzwald. Es
wurden auch schöne Bergwanderungen in der näheren Umgebung gemacht, die alle
erfreuten. Der alljährliche Jahresausflug fördert die Geselligkeit und den
Zusammenhalt des Vereins. Die Harmoniemusik fährt seit Jahrzehnten zu
Bezirksmusikfesten und beteiligt sich an deren Wertungsspielen.
Die Nachwuchsausbildung der Zöglinge übernahmen seit jeher die Dirigenten
selbst. Die Jungbläser wurden entweder einzeln oder in kleineren Gruppen
ausgebildet. So konnten meist die Lücken der ausgeschiedenen Mitglieder
ausgefüllt werden. Doch 1988 war der Nachwuchs an Bläsern sehr spärlich. Die
Harmoniemusik lud Schüler mit Ihren Eltern zu einem Informationsabend ins
Feuerwehrhaus ein. Der Erfolg war gut. 26 Kinder wurden zur musikalischen
Ausbildung angemeldet. Die große Zahl der auszubildenden Jungbläser brachte aber
auch finanzielle Probleme für den Verein, denn alle Zöglinge mussten mit Neu-,
oder Leihinstrumenten versorgt werden. Seitdem konnten 20 junge Musikanten in
die Kapelle eingegliedert werden. Zur Zeit sind 10 Jungbläser in Ausbildung. Die
Ausbildungsleitung hat die Dirigentin Gerlinde Stimpfle. Unterstützt wird sie
von den ehemaligen Dirigenten Rudi Abt und Siegfried Stöckle. Martin Keller und
Thomas Huber (beide Inhaber des Dirigentenzeugnisses) unterstützen die
Ausbildung der Posaunen und Trompetenbläser.
Die Harmoniemusik besteht derzeit aus 51 Aktiven Musikerinnen und Musikern. Die
Dirigentin Gerlinde Stimpfle und 1. Vorstand Franz Allgeier mit der gesamten
Vorstandschaft und allen aktiven Mitgliedern sind stets bemüht, bei allen
gemeindlichen und kirchlichen Anlässen ihren musikalischen Beitrag aufs Beste zu
geben.

 Harmoniemusik Nesselwang 1994


Ein herzlicher Dank gilt allen aktiven und passiven Mitgliedern der
Harmoniemusik, sowie allen Freunden und Gönnern des Vereins die zum Gelingen des
20. Bezirksmusikfestes des Bezirks III in Nesselwang beigetragen haben.
Unser besonderer Dank gilt Herrn Landrat Adolf Müller für die Übernahme der
Schirmherrschaft, sowie den Verfassern der einleitenden Grußworte mit ihren
guten Wünschen zu unserem Fest.
Möge das Musikfest in Nesselwang dazu beitragen, die Freundschaft aller
teilnehmenden Kapellen zu festigen und die Verbundenheit der örtlichen Vereine
und Gruppen zu stärken. Der einheimischen Bevölkerung sowie den Gästen und allen
Besuchern aus nah und fern wünschen wir musikalische und schöne Tage in " froher
Harmonie " im schönen Markt Nesselwang.

 

Harmoniemusik Nesselwang e.V.

Diese Vereinsgeschichte in Kurzfassung wurde unter
Verwendung der im Februar 1992 verfassten Chronik von Manfred Hailer erstellt.

Josef Haug